Quelle: Dr. Volkmar Rudolf, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Wie man Einhörner fängt

 Und im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth, zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Mann mit Namen Josef vom Hause David; und die Jungfrau hieß Maria. Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach:

Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir! Sie aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das? Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria! Du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben. Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.

Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Manne weiß? Der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden…

Maria aber sprach: Siehe, ich bin den Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast.

Lukas 1, 26-38

 

I

Wir sind unterwegs, besichtigen eine Stadt und stehen schließlich vor einer Kirche.

„Die sehen wir uns jetzt noch an“, teilen wir unseren Kindern mit. Die Antwort: „Muss das sein?“ Aber neulich in Erfurt war alles anders. Unsere Kinder, vor allem unsere Tochter, konnten es gar nicht abwarten, endlich in den gewaltigen Dom zu kommen. Dort, so hatten sie von der Oma erfahren, gibt es die Maria mit einem Einhorn zu sehen.

Also sind wir gleich am ersten Tag über die Krämerbrücke, hin zum großen Stadtplatz, die vielen Treppenstufen hinauf und hinein in die Hohe Domkirche St. Marien. Sofort suchten wir das ganze Kirchenschiff ab: Nirgendwo eine Maria. Im Altarraum: Nirgendwo ein Einhorn. Noch einmal durch die ganze Kirche. Vielleicht hatten wir irgendein Bild übersehen: Nichts. Allmählich machte sich Enttäuschung, ja Verzweiflung breit. Da plötzlich tauchte ein netter Herr mit einem Namensschild an der Jacke auf. Ob er uns weiterhelfen könnte? Er konnte.

Gleich im Eingang stand links an der Wand ein Altar, die Seitenflügel waren zugeklappt.

Es war der Donnerstag nach Aschermittwoch! Die Passionszeit hatte begonnen. Die Altäre waren geschlossen. Aber für uns machte er – wir waren so dankbar – eine Ausnahme. Holte einen Schlüssel aus der Sakristei, schloss die Flügel auf und klappte den Altar auf.

Und da war sie nun in ihrer ganzen Pracht zu sehen: Maria mit dem Einhorn.

 

II
Was ist so faszinierend an diesem Tier? Ein regelrechter Hype ist um das Fabelwesen ausgebrochen. Wir sehen es auf T-Shirts, Kleidern und Tassen. Es bevölkert als Stofftier unzählige Kinderzimmer. Es wird im Film gezeichnet und animiert. Es ist auf einem Teppich zu sehen, der den Gryffindor-Aufenthaltsraum in den Harry-Potter-Filmen schmückt.

Wir sind von Einhörnern umzingelt.

Tatsächlich ranken sich seit der Antike viele Geschichten um das Einhorn. In der Bibel taucht es an mehreren Stellen unter verschiedenen Namen auf.  Und in einem frühchristlichen Volksbuch aus dem 2. Jahrhundert, dem Physiologus, wird es ausführlich beschrieben:

„Es ist ein kleines Tier wie ein Böckchen, friedlich ist es und ganz sanft, doch der Jäger kann ihm nicht nahe kommen, weil es gar so stark ist. Wie jagt man es nun? Eine reine Jungfrau setzt man ihm in den Weg, und es springt ihr in den Schoß, uns sie streichelt das Tier und führt es in den Palast des Königs.“

Und vielleicht ist es bis heute so beliebt, weil es noch eine besondere Eigenart besitzt:

„Seine zweite Eigenart ist diese“, heißt es im Physiologus: „Das Tier, das Einhorn meine ich, liebt es die Lustigkeit.“

 

III

Im Mittelalter schaffte es das Einhorn gar bis in die Altarräume vorzudringen. Gut zwanzig Altartafeln sind in Europa noch erhalten, auf denen es zu sehen ist. Die Hälfte davon befindet sich in Thüringen. Eines der schönsten Bilder beherbergt der Dom in Erfurt.

Das Bild stammt aus dem Jahr 1420. Es ist genau 600 Jahre alt. Was ist zu sehen?

Zunächst einmal eine ganze Menge Figuren.

Die größte Figur sehen wir in der Bildmitte. Es ist Maria, die ein zahmes Einhorn auf ihrem Schoß hat. Damit wird deutlich gemacht, dass sie „von keinem Manne weiß“, denn nur eine Jungfrau kann ein Einhorn fangen. Ihr prächtiges Gewand ist mit Lilien geschmückt. Auch sie stehen hier als Zeichen der Reinheit und Keuschheit.

Links im Bild, auf einem Horn blasend, sehen wir den Engel Gabriel. Ausgerüstet mit einem Speer und zwei Hunden ist er als Jäger dargestellt, der das Einhorn in den Schoß der Jungfrau treibt. Die Verkündigungsszene als Einhornjagt!

Rechts und links der Gottesmutter sind zwei Gruppen musizierender Engel positioniert. Sie singen, so steht es in lateinischer Schrift auf den Noten: Ehre sei Gott in der Höhe.

Darüber sind mehrere, etwas größere Figuren zu sehen, die durch ihren Glorienschein, teilweise auch durch ihre Attribute, als Heilige zu erkennen sind. Da steht die heilige Barbara mit Kelch und Hostie, Maria Magdalena mit dem Salbgefäß, der heilige Georg in Rüstung und mit Schwert ausgestattet.

 

Der Hintergrund ist in Gold getaucht. Auch die Größenverhältnisse deuten an, dass es sich um ein mittelalterliches Bild handelt. Die Figuren sind nicht realistisch, in perspektivischer Verkürzung dargestellt. Ihre Größe richtet sich ausschließlich nach ihrer Bedeutung. Entsprechend beanspruchen Maria und das Einhorn den meisten Raum.

Vorne rechts im Bild sieht man die wohl kleinsten Menschen knieend dargestellt. Wahrscheinlich handelt es sich um die Stifter des Bildes, die Auftraggeber. Sie haben, wie einige andere auch, Spruchbänder in der Hand. Auf dem einen steht: Gegrüßet seist du Himmelskönigin. Auf dem anderen: Gedenke meiner, Jungfrau, Mutter.

Jetzt könnte man noch sehr viel mehr erzählen, über den Weidenzaun im Vordergrund, die Bäume, die Kleider. Nichts in diesem Bild ist zufällig. Alles hat eine Bedeutung. Hingewiesen werden muss aber noch auf das kleine, nackte Baby oben links. Der himmlische Vater schickt es los zu seiner irdischen Mutter, in Richtung Maria. Auf seinem Spruchband steht zu lesen: Ich stieg herab in meinen Garten. Wenn wir die Flugbahn richtig deuten, wird es am Kopf der Jungfrau ankommen und mit größter Wahrscheinlichkeit durch ihr rechtes Ohr in den Leib eindringen.

 

Werfen wir einen letzten Blick auf das Einhorn. Was für ein schönes Tier. Und was für ein interessantes Horn. Seine prächtige Erscheinung versinnbildlicht die unbesiegbare, göttliche Allmacht. Nur die Jungfrau kann es einfangen und darf es streicheln. In ihrem Schoß wird das scheue Tier zahm.

Was ist aus dem stolzen Tier geworden? Ein Kuscheltier in Pinkfarben. Ein sinnentleertes Spielzeug. Ein verkitschtes Accessoire. Sein Niedergang datiert im ausgehenden Mittelalter. In der Renaissance begann man, an der Existenz des Einhorns zu zweifeln. Um den Spöttern aus den Reihen der Reformation keine neue Nahrung zu liefern, wurde auf dem Konzil von Trient beschlossen - es tagte in einem Zeitraum von fast zwanzig Jahren, von 1545 bis 1563 – den bildenden Künstlern zu verbieten, das Einhorn weiterhin als Symbol der Menschwerdung Christi zu verwenden.

 

IV

Ganz zuletzt wird Sie, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, aber doch noch eine Frage bewegen: Während die ganze Welt nur ein Thema kennt, während also alle mit dem Coronavirus beschäftigt sind, während die USA ein Einreiseverbot für Europäer verhängt, während – was viel schlimmer ist – in Deutschland die Bundesligaspiele abgesagt werden und überhaupt die wirtschaftlichen Konsequenzen nicht absehbar sind, während in Wernau Schulen und Kindergärten schließen und das soziale Leben langsam zum Erliegen kommt, redet der Pfarrer vom Einhorn. Auch die größten Einhornfans mag das befremden. Sie haben Recht. Das Thema ist heute ein wenig abseitig. Tatsächlich hatte ich auch meine Zweifel. Müssten und werden heute nicht viel mehr die Ängste und Sorgen der Menschen in den Kirchen – so in ihnen noch Gottesdienste stattfinden – zur Sprache gebracht werden? Müsste heute nicht Trost und Zuversicht angesichts der bedrohlichen Epidemie im Vordergrund stehen? Läge es heute, mitten in der Passionszeit, nicht nahe, auf das Leiden Christi zu blicken, um darin Hoffnung und Sinn zu suchen? Sicherlich.


Aber in der Vorbereitung auf diesen Gottesdienst habe ich mir vor allem immer wieder dieses Bild angesehen. Dieses Bild, das auf den Altarflügeln rechts und links gerahmt ist von der Kreuzigung und dem offenen Grab. Im Mariendom zu Erfurt ist es jetzt zugeklappt. Eigentlich darf es vor Ostern noch niemand sehen. Aber außerordentliche Umstände - wie dieses Virus - das die Wirtschaft lahm legt, Aktienkurse in den Keller schickt und die Welt in Atem hält, verlangen außerordentliche Maßnahmen. Heute dürfen Sie den Altar aufgeklappt sehen. Und gucken Sie noch einmal ganz genau hin. Sehen Sie sich die Szenerie an:

Was könnte tröstlicher und ermutigender sein als dieses uralte, wunderschöne Gemälde?

Da sind sie alle zusammen. Gottvater im Himmel, der seinen Sohn auf die Erde schickt. Er soll die Menschheit retten. Er soll uns das Himmelreich nahe bringen. Er soll Heil stiften.

Überall singen und musizieren die Engel. Der Erzengel Gabriel bläst in sein Jagdhorn.

Da sind die Nothelfer und Schutzheiligen versammelt. Mauritius, der Patron der Kaufleute. Die heilige Scholastika, Patronin der Kinder, die unter Krämpfen leiden. Margareta, die sich dem Dienst an den Armen und Kranken verschrieb. Barbara, die der Vater in einem Turm einschließen ließ, um sie den neugierigen Blicken der vielen Brautwerber zu entziehen. Und Katharina, die es ablehnte, den heidnischen Kaiser Maxentius zu heiraten. 50 Philosophen und Redner beauftragte der Kaiser, um Katharina vom christlichen Glauben abzubringen. Aber sie disputierte so überzeugend mit ihnen, dass stattdessen ihre Gegner zum Glauben kamen.

Was könnte tröstlicher sein, als die Gemeinschaft dieser Heiligen? Sie waren vielen Gefahren und Anfechtungen ausgesetzt. Ihr Glaube hat sie durch alle Widerstände hindurchgetragen.

Mitten unter ihnen thront Maria mit einem Einhorn auf dem Schoß.

Das Horn, so verrät es der Physiologus am Schluss seiner Darstellung, „ist ein sehr nützliches Gegenmittel gegen die Schlangen und ihr Gift.

 

Ich habe die Postkarte auf meinem Schreibtisch aufgestellt. Da kann ich sie mir jeden Tag ansehen. Maria mit dem Einhorn ist in dieser Passionszeit mein Gegengift, meine Inspiration, mein Trost.

Amen